Die Pubertät – Umbau am lebenden Gehirn
Jugendliche haben selten einen guten Ruf. Viele Eltern fürchten sich schon früh vor der wilden Phase ab dem 12. bis 14. Lebensjahr. Die meisten Jugendlichen sind aber besser als ihr Ruf: Rund 80 Prozent der Jugendlichen durchlaufen eine relativ problemlose Pubertät. Die Weltgesundheitsorganisation fordert dennoch mehr Aufmerksamkeit für das Thema Adoleszenz. Dafür sorgen dramatische Zahlen an lebensgefährlichen Verletzungen, Gewalt und Suiziden bei den 15 bis 20 Jahre alten Teenagern. Um Präventionsstrategien zu entwickeln, muss man aber erst einmal wissen, warum sich einige Jugendliche in dieser Zeit so verhalten, wie sie es tun.
Erhöhte Risikobereitschaft
Eine Erklärung der Neurobiologen befasst sich mit dem umfassenden Umbau des Gehirns in dieser Zeit. Dadurch herrscht in der Pubertät ein Ungleichgewicht im Gehirn. Das limbische System – zuständig für Belohnungs- und Hochgefühle – ist bereits weiter entwickelt als die Kontrollinstanz des präfrontalen Kortex. Entscheidungen werden oft irrational und Jugendliche riskieren mehr als Erwachsene. Dahinter steckt auch ein evolutionärer Sinn: Jugendliche sind neugieriger, lernen mehr Neues kennen und sammeln so Erfahrungen.
Besonders wichtig in dieser Zeit ist auch die Anerkennung der Peergroup. Es ist wahrscheinlich, dass sich ein Kind dem schlechten Verhalten seiner Freunde anpasst. Dennoch ist der Aufbau sozialer Kontakte ein wichtiger Aspekt eines selbstständigen Lebens. Experten nennen das adoleszente Gehirn deswegen keineswegs defizitär. Die Entwicklung in der Pubertät sei unabdingbar für die menschliche Spezies. Insgesamt kann eine erhöhte Risikobereitschaft in allen menschlichen Kulturen und auch bei Tieren beobachtet werden.
Streit zwischen Biologen und Soziologen
Soziologen sehen die Probleme in der Gesellschaft. So werde bei Studien zum Risikoverhalten nicht beachtet, dass Jugendliche viel häufiger ärmer sind als Erwachsene. Wenn aus Untersuchungen Aspekte wie Armut und Wohlstand herausgerechnet werden, seien Erwachsene auf einmal krimineller und gewalttätiger. Andere Wissenschaftler halten solche Berechnungen jedoch für fehlerhaft und sehen die hohe Jugendkriminalität unabhängig von Armutsverhältnissen. Soziologen wiederum finden die Hirnscanstudien nicht aussagekräftig, da die Stichproben zu klein seien.
Viele Überblicksartikel kritisieren, dass eine Vielzahl an Studien nicht reproduzierbar und so überbewertet sind. Wichtiger sind langfristige Studien, bei denen regelmäßig ein Hirnscan wiederholt wird. Damit wird verhindert, jugendliches Verhalten in der realen Welt durch einzelne Gehirnveränderungen zu erklären. Andere kritisieren, dass das Ungleichgewicht im Gehirn vor allem bei Jugendlichen zwischen 14 und 15 Jahren besteht. Wie risikoreich sich jemand verhält, sieht man jedoch erst zwischen 19 und 23 Jahren – dem Alter, in dem ungeschützter Sex, Komasaufen, tödliche Unfälle oder kriminelle Handlungen am häufigsten vorkommen. Das Belohnungssystem arbeitet wieder wie in der Vorpubertät, jetzt besteht aber ein besserer Zugang zu Waffen, Alkohol und Autos.
Wie stark wirkt die Gesellschaft?
Wie stark ist also die Risikobereitschaft von der Biologie, wie stark von der Kultur geprägt? Auch Verfechter der Biologie sehen das Gehirn als stark kulturell veränderbar an. Besonders die limbischen Schaltkreise, die für Emotionen zuständig sind, seien stark von der Umwelt geprägt. Einig sind sich die Wissenschaftler, dass frühkindliche Erfahrungen eine große Rolle beim Umgang mit negativen Gefühlen spielen. Auch das Kontrollzentrum des Gehirns kann beeinflusst werden, wenn der Jugendliche schnell Selbstkontrolle lernt und dadurch nicht auffällig wird. Dieser Prozess ist gesellschaftlich bedingt, wird aber in westlichen Industrienationen durch das Internet erschwert. Regelverstöße wie Partys, Drogen und Sexorgien werden hier glorifiziert und der Zugang zu illegalen Substanzen erleichtert. In westlichen Gesellschaften gilt Erwachsensein zudem als uncool, sodass sich wenig an Erwachsenen orientiert wird.
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